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 Betreff des Beitrags: (interessanter?) Praxisfall
BeitragVerfasst: 08.02.2016, 10:48 
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Registriert: 10.03.2008, 16:59
Beiträge: 50
Wohnort: Die Nibelungenstadt
Hallo allerseits,

mal wieder ein Fall aus der Praxis: Partie in einem Open-Turnier (Weiß ca. ELO 2400, Schwarz ca. 2250, Fischer-Modus).

Schwarz reklamiert - formal korrekt - Stellungswiederholung beim Schiedsrichter. Die Partie wird im Beisein der Spieler und des Schiedsrichters an einem anderen Brett nachgespielt. Dieser entscheidet auf Stellungswiederholung und gibt die Partie Remis. Beide Spieler nehmen dies zur Kenntnis und gehen zurück an "ihr" Partiebrett. Der Schiedsrichter verbleibt - da die Zeitkontrolle kurz bevorstand - noch einige Minuten im Turniersaal und kommt mehrmals an besagtem Brett vorbei. Beide Spieler analysieren ihre Partie und äußern sich nicht weiter.

Nach ca. 30 Minuten kommt Weiß zum Schiedsrichter und erklärt, während der Analyse festgestellt zu haben, dass die Stellung zwar dreimal gleich gewesen sei, jedoch sei nicht immer der gleiche Spieler am Zug gewesen. Der Schiedsrichter befragt den Gegner (also den Reklamierenden), der dies bestätigt. Eine Überprüfung ergibt, dass der Einwand berechtigt ist. Weiß fordert daraufhin, dass die Partie fortgesetzt wird. Der Hauptschiedsrichter entscheidet nach kurzer Prüfung auf Fortsetzung. Die Partie endet mit einem Sieg für Weiß. Schwarz ruft daraufhin das Turniergericht an und fordert, dass das ursprüngliche Ergebnis (Remis) gelten soll. Das Turniergericht lehnt den Einspruch nach längerer Diskussion ab.


Soweit der Fall. Unstreitig ist, dass der Schiedsrichter am Brett falsch entschieden hat. Interessant ist - zumindest aus meiner Sicht - wie die Entscheidung des Hauptschiedsrichters zu bewerten ist. Ich finde, dass es für beide möglichen Ergebnisse sehr gute Argumente gibt und tue mich auch nach längerem Nachdenken schwer, mich für eine der Möglichkeiten zu entscheiden.

Was meint ihr?

_________________
Daniel Hendrich

Internationaler Schiedsrichter


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 Betreff des Beitrags: Re: (interessanter?) Praxisfall
BeitragVerfasst: 08.02.2016, 11:35 
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Registriert: 10.12.2007, 16:41
Beiträge: 287
Wohnort: Marburg an der Lahn
Daniel Hendrich hat geschrieben:
Unstreitig ist, dass der Schiedsrichter am Brett falsch entschieden hat. Interessant ist - zumindest aus meiner Sicht - wie die Entscheidung des Hauptschiedsrichters zu bewerten ist. Ich finde, dass es für beide möglichen Ergebnisse sehr gute Argumente gibt und tue mich auch nach längerem Nachdenken schwer, mich für eine der Möglichkeiten zu entscheiden.

Was meint ihr?


Die Entscheidungen des Hauptschiedsrichters und des Turniergerichts sind richtig, und ich sehe momentan kein dem entgegenstehendes Argument. Es gehört doch gerade zu den Aufgaben des Hauptschiedsrichters, gegebenenfalls den Saalschiedsrichter zu "overrulen".

Dafür, dass die Anrufung des Hauptschiedsrichters zu spät erfolgt und daher unzulässig sei, enthält der geschilderte Sachverhalt keinerlei Anhaltspunkt. Enthielt des Turnierreglement irgendwelche Formvorschriften dazu?

Ebenfalls keinen Anhaltspunkt sehe ich dafür, das auf den Partieformularen zunächst falsch eingetragene Ergebnis (Remis) nach Art. 8.7 stehen zu lassen - anders wäre beispielsweise zu entscheiden gewesen, wenn Weiss sich erst nach Auslosung der nächsten Runde beschwert hätte.

Schwarz kann sich auch nicht auf Grundsätze des Vertrauensschutzes berufen. Die Entscheidung des Schiedsrichters am Brett war offensichtlich falsch, was auch dem Schwarzen bei Kenntnis der als bekannt vorauszusetzenden Regeln entweder aufgefallen ist oder hätte auffallen müssen.

Eine Regel, dass eine analysierte Partie nicht fortgesetzt werden dürfe, gibt es nicht.


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 Betreff des Beitrags: Re: (interessanter?) Praxisfall
BeitragVerfasst: 08.02.2016, 12:28 
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Registriert: 09.11.2007, 18:27
Beiträge: 357
Da gab es doch auch den Vorgänger Fall. Caruana war glaube ich einer der beteiligten. Dort wurde genau so verfahren nur war das Fenster bis zur Entdeckung kürzer. Von daher finde ich die Entscheidung korrekt. Ein Problem hätte ich dann gesehen, wenn die Spieler den Turniersaal verlassen hätten und ggfs. mit Engineunterstützung die Partie analysiert hätten. Aber so wie es vorgefallen ist, war das absolut OK.

Grüße Daniel


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